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THEMEN > FRIEDEN – GERECHTIGKEIT – EINE WELT

Koloniale Kontexte im Museum erkennen

Tanja Aminata Bah, Historikerin für Schwarze Geschichte, im Landesmuseum Natur und Mensch in Oldenburg

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Tanja Aminata Bah, Historikerin für Schwarze Geschichte, möchte Menschen eine Stimme geben, die bislang in den Diskursen in deutschen Museen keinen Platz hatten. Es ist sehr wichtig, bislang unterrepräsentierten Perspektiven Räume zu geben. In diesem Sinne bedeutet der dekoloniale Ansatz, Machtanspruch auf mehr Menschen zu verteilen.

Koloniale Kontexte

Stern von Madagaskar, Leopardenorchidee oder Sterne der Nacht: Im 19. und frühen 20. Jahrhundert herrschte in Europa ein „Orchidelirium“, ein Sammelwahn für exotische Pflanzen, die aus den Kolonien importiert wurden. Die Entnahme dieser Pflanzen wird heute oft kritisch als Teil einer kolonialen Aneignung oder Biopiraterie betrachtet. Zahlreiche Pflanzenarten, darunter Orchideen, wurden nach deutschen Kolonialherren, Forschern oder Siedlern benannt. Dies diente dazu, die „in Besitznahme“ der Natur zu dokumentieren und die eigene Präsenz im kolonialen Raum zu verewigen.

Lange Zeit haben Museen Sammlungsgüter ausgestellt, bei denen die Herkunftsgeschichte nicht hinterfragt wurde. Als Museum, das seit über 180 Jahren existiert, beherbergt das Natur und Mensch in Oldenburg eine umfassende Sammlung, in der sich auch Objekte aus kolonialen Kontexten befinden.

Die Provenienzforschung (abgeleitet vom lateinischen Wort provenire = hervorkommen, entstehen) möchte herausfinden, wo Objekte und menschliche Überreste herkommen und in welchem Kontext sie in den Besitz eines Museums gelangt sind. Dabei verfolgt die Provenienzforschung den Weg, den ein Objekt oder menschliche Überreste von seinem Ursprungsort bis zu seinem heutigen Platz im Museum genommen hat. Im Idealfall können dabei unterschiedliche Stationen aufgezeigt und beteiligte Personen oder Besitzer:innen ermittelt werden.

Rassismus als Teil von Kolonialismus

Bis in die heutige Zeit bestimmen Menschen mit mehr Reichtum und Macht über andere Personen und Ressourcen. In historischen Zeiten wie zu Zeiten des Kolonialismus war dieses asymmetrische Machtgefälle noch größer. Dies führte dazu, dass Objekte und menschliche Überreste oftmals für wenig Geld gekauft, gegen etwas Minderwertiges getauscht bzw. gestohlen oder geraubt worden sind. Insofern haben die späteren Besitzer:innen sie nach unserem heutigen Verständnis nicht rechtmäßig erworben. Diese Unrechtmäßigkeit blieb auch bestehen, als die Objekte und die menschlichen Überreste im Laufe ihrer Geschichte ins Museum kamen.

Unsere Gesprächspartnerin in diesem Kontext ist Tanja Aminata Bah, Historikerin für Schwarze Geschichte. Als Ort für dieses Interview haben wir mit dem sogenannten Naturalienkabinett einen besonderen Ort gewählt. Tanja Aminata Bah hat nach ihrer internationalen Ausbildung in Köln, Helsinki und Bristol für verschiedene Museen in Hamburg gearbeitet. Bis Oktober 2025 war sie Referentin für das Projekt „360° Fonds für die Kulturen der neuen Stadtgesellschaft” im Altonaer Museum.

In ihrer Praxis interessiert sie sich für kreative Zugänge zu Geschichte durch Storytelling, Gaming und partizipative Methoden. Einen thematischen Schwerpunkt findet sie in der Erforschung Schwarzer Lokalgeschichte und anderer marginalisierter Menschen, sowie der kritischen Aufarbeitung kolonialer Verflechtungen.

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Das Naturalienkabinett – Die Persepktive der Großherzoglichen Sammlungen

Für Tanja Aminata Bah „gleicht das Naturalienkabinett einer Wunderkammer ohne jegliche Perspektive, ist also eine historische Inszenierung und damit eine Interpretation, die nicht zu einhundert Prozent der Wahrheit entspricht.“ Dabei wird von Museen erwartet, dass sie die Wahrheit zeigen, dass sie dabei helfen, die Welt zu gliedern.

Das Naturalienkabinett war bis zu seiner Schließung als eigener Raum im Bereich der Dauerausstellung Küste und Marsch zu sehen. Mit seiner Inszenierung in den 1980er Jahren sollte das Naturalienkabinett an die Anfänge des Museums erinnern: das Großherzogliche Naturalien-Cabinett beziehungsweise die Großherzoglichen Sammlungen. Diese beinhalteten, vor allem durch Schenkungen, bereits schon früh außereuropäische Objekte.

Der Raum, wie er bis zu seiner Schließung war, war eine szenografische Interpretation. Er zeigte sich so, wie die Museumsmacher im Jahr 1980 sich die Anfänge der Museumsausstellung vorstellten. Aus heutiger Museumssicht ist diese Inszenierung jedoch problematisch.

Auf den ersten Blick vielleicht faszinierend, verbarg sich hinter dieser scheinbar neutralen Präsentation des Naturalienkabinetts eine Geschichte, die zum Teil eng mit kolonialen Machtverhältnissen und gewaltsamer Aneignung verbunden ist. Vor allem an den ethnologischen Objekten wurde deutlich, dass jene Inszenierungen koloniale Kontexte verschleiern und indigene Perspektiven missen ließen. Seit dem 23. Februar 2026 ist das Naturalienkabinett geschlossen.

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Die koloniale Perspektive überwinden. Allen eine Stimme geben – auch denen, die bisher nicht gehört wurden. Hinterfragen, welche Perspektive die Großherzoglichen Sammlungen hatten, welche Interessen sie verfolgten und einen neuen Blick auf die Welt wagen. | Video

Menschen ein Stimme geben, die bisher keinen Raum hatten

Tanja Aminata Bah möchte Menschen eine Stimme geben, die bislang in den Diskursen in deutschen Museen keinen Platz hatten. Es ist sehr wichtig, bislang unterrepräsentierten Perspektiven Räume zu geben. In diesem Sinne bedeutet der dekoloniale Ansatz, Machtanspruch auf mehr Menschen zu verteilen.

Video-Reihe in Kooperation mit dem Landesmuseum Natur und Mensch

Gefördert im Programm 360° – Fonds für Kulturen der neuen Stadtgesellschaft der Kulturstiftung des Bundes und in enger Kooperation mit dem Landesmuseum hat Barthel Pester von Werkstatt Zukunft drei Interviews mit Oldenburger:innen geführt, die aus aller Welt stammen, Ende 2025 kamen zwei weitere Gespräche dazu. Außerdem hat Werkstatt Zukunft zwei Veranstaltungen zu islamischen Perspektiven auf Umwelt- und Klimafragen aufgezeichnet. Hier stellen wir alle Beiträge aus der Reihe vor.

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Umweltethik aus islamischer Sicht. Dr. Asmaa El-Maaroufi von der Uni Münster zu Gast im Landesmuseum Natur und Mensch in Oldenburg. „Theologie der Nachhaltigkeit“ im islamisch-theologischen Kontext – ein wichtiger neuer Akzent in der aktuellen Umwelt- und Klimadebatte. Februar 2022 | Themenseite

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Frieden, Haltung und Nachhaltigkeit – Eine islamische Perspektive. Prof. Dr. Ahmad Milad Karimi vom Institut für Islamische Theologie der Uni Münster zu Gast im Landesmuseum Natur und Mensch in Oldenburg. In Nachhaltigkeit steckt gleichzeitig „Halt“. Wer oder was gibt Halt? März 2022 | Themenseite

Interviews

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Bildung als Weg zum Frieden – Im Gespräch mit Maryam Ghandehari, Iran. Im Interview erklärt Maryam Ghandehari die Bedeutung der Bildung für Zukunftsthemen wie Integration und ein friedvolles, sicheres Miteinander und wie sie sich für das Klima in Oldenburg und im Iran einsetzt. Dezember 2021 | Themenseite

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Korruption in Afghanistan – Jawid Sadeqi im Gespräch. Der ehemaliger TV-Journalist berichtet über Korruption, Diskriminierung und die Auswirkungen der Machtergreifung der Taliban. Als politischer Aktivist setzt er sich für Demokratie, Bildung und Frauenrechte ein. Dezember 2021 | Themenseite

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Bildung für Klimagerechtigkeit – Lucien Minka aus Kamerun im Gespräch. In diesem Beitrag beschreibt er, was Bildung in Kamerun für Frieden und Klimagerechtigkeit bewirken kann und spricht über gegenseitigen Respekt als Grundlage für die Integration verschiedener Kulturen. Dezember 2021 | Themenseite

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Koloniale Kontexte im Museum erkennen. Tanja Aminata Bah, Historikerin für Schwarze Geschichte, möchte Menschen eine Stimme geben, die bislang in den Diskursen in deutschen Museen keinen Platz hatten und so durch einen dekolonialen Ansatz alte Muster aufbrechen. November 2025 | Themenseite

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Die koloniale Perspektive überwinden. Allen eine Stimme geben – auch denen, die bisher nicht gehört wurden. Hinterfragen, welche Perspektive die Großherzoglichen Sammlungen hatten, welche Interessen sie verfolgten und einen neuen Blick auf die Welt wagen. November 2025 | Themenseite

Werkstatt Zukunft – Die Sendereihe

Werkstatt Zukunft produziert monatlich eine TV-Sendereihe, die bei Oldenburg eins und bei weiteren Bürgersendern ausgestrahlt wird. Über unsere Website und unseren YouTube-Kanal sind unsere Videos zeitlich und räumlich unbegrenzt zu sehen.

Förderer

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Die Filmreihe von Werkstatt Zukunft in Kooperation mit dem Landesmuseum Natur und Mensch wird gefördert im Programm 360° – Fonds für Kulturen der neuen Stadtgesellschaft der Kulturstiftung des Bundes.

Logo

Werkstatt Zukunft in Kooperation mit dem Landesmuseum Natur und Mensch in Oldenburg, dem Lokalsender Oldenburg eins und weiteren Bürgersendern.


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